BRAUCHTUM #2 – RAUHNÄCHTE

Mit dem Anbruch des heutigen Tages der Erscheinung des Herrn – ἐπιφάνεια, auch Hochfest der Heiligen Drei Könige – endete die letzte Rauhnacht.

 

Der Weg durch die toten Tage

Die Zwölf Nächte, oder auch nur die Zwölfe, nennt man sie aufgrund ihrer Spanne, die entweder die Zeit vom 25. Dezember zum 6. Januar umfasst, oder schon mit der Thomasnacht zum 21. Dezember beginnt und dann am 1. Januar endet.

Es ist dies eine besondere Zeit, eine Zwischenzeit, welche vom Ende des einen in den Neuanfang des kommenden Jahres führt. Der Grund ist äußerlich in unseren zwei wichtigsten Himmelskörpern zu finden, die wiederum Ausdruck des metaphysischen Logos sind und welche für unseren Planeten das bilden, was wir Jahr nennen. Das überlebensnotwendige Verständnis vom Jahresablauf führte, wohl neben einer intrinsischen Faszination für den Himmel und seinen »Körpern«, zu der Zeitrechnung durch Sonne und Mond. Eine Mondphase (Lunation) beträgt circa 29.53 Tage, geschieht dies zwölf Mal sind 354 Tage vergangen und ein Mondjahr ist vorbei. Für das vollständige Sonnenjahr mit 365 Tagen fehlen 11 Tage und 12 Nächte, die sogenannten »toten Tage« außerhalb der Zeit.

 

Nur was heilig ist, ist wirklich, ist überhaupt

Den alten Völkern schien bei diesem Übergang von einem Jahr zum nächsten, welches zyklisch verstanden wurde, als eine Berührung mit dem Ursprung, aus welchem sich alles wieder neu ordnen und aufbauen müsse. Es war kein neues Jahr in Richtung einer sich nach vorne bewegenden, sich in ihrem Wesen wandelnden Zukunft, sondern eine Art kleine Schöpfung, welche die große wiederholte und aktualisierte, sodass das ewige Jahr seinen erneuten Lauf bis zum Ende der Welt (Zeitalter) antritt. Sie sahen folglich die Ordnung des ganzen Kosmos bedroht und taten wie es ihnen die Götter im Mythos ihrer Tradition in illo tempore vormachten, wodurch sie gleichzeitig nicht nur kosmische Ordnung gewährten, sondern auch sich selbst den Göttern und Heroen anglichen.

Mythisch gesehen, treten die chaotischen Urkräfte »der Zeit vor der Zeit« in dieser Phase der Unordnung wieder hervor und müssen neu gebannt werden, wie auch jeder Mythos vom Sieg über Riesen, Titanen und andere Urkräfte berichtet. Dieser Urmord – bei den Germanen erschlugen Odin, Hoenir und Lodur den Urriesen Ymir, bei den Griechen entmannte zuerst Kronos (die Zeit) seinen Vater Uranos (Gewölbe, das Urmännliche), dann besiegte Zeus mit den anderen Olympiern die Titanen, weitere Beispiele gibt es zuhauf – dieser Urmord, um noch einmal zu beginnen, legt das Fundament des menschlichen Seinkönnens. Es ist also verständlich, dass in dieser Zwischenzeit der Innernächte die alte Ordnung erzittert und andere Welten, zu verstehen als Seinsmodi, zugänglich sind.

 

Rauch ist das Fell und der Sturm rauh

In dieser überwiegend dunklen »Nicht-Zeit« der Unternächte, wie sie auch genannt werden, sind viere von besonderer Bedeutung. Die schon eingangs erwähnte Thomasnacht auf den 21. Dezember, durch die leicht variierende Wintersonnenwende meist längste Nacht des Jahres, der Heiligabend am 24. Dezember, Silvester am 31. Dezember und die Nacht auf Heilige Drei Könige am 6. Januar. Mit diesen Nächten und diesen Jahresabschnitt allgemein gehen in Europa ein ganzes Bündel an Bräuchen und religiösen Feiern einher, ja selbst im deutschsprachigen Raum gibt es eine Vielzahl an regionalen Unterschieden, welche von einer reichen Vielfalt sprechen.

Bevor aber einige Bräuche Erwähnung finden, soll den Rauhnächten nachgesonnen werden, denn schon das Wort besitzt seinen Reiz. Es geht zurück auf das althochdeutsche rûh oder auch rûch für gefilzte Haare und das Rauhe an Fellen und wollenem Zeug, welches in der Kirschnerei noch heute als Rauhware oder Rauchware für Pelzwaren verwendet wird. Es ist dies ein Bezug auf in Fell gekleidete Dämonen, wie den Krampus, oder die Perchten mit Habergeiß, welche besonders im Brauchtum des Alpenraums tief verwurzelt sind. Woran sich wieder einmal zeigt, dass unwegsame Gegenden eine Art Reservat für alte Traditionen sind, sei es Mundarten oder Bräuche.

Schon Luther unterschied rauch und rauh. Erstes für grobes Zeug (wie Hemd), zweites für nicht milde Zustände (wie Wind), welche später zusammen auf das schlichte rau fielen. Etymologisch hat es also nicht mit dem Rauch zu tun, wiewohl schon vor Jahrhunderten die traditionelle Beräucherung der Ställe und des Nutzviehs (ᚠ) durch den örtlichen Priester oder auch Hofbauern mit Weihrauch Brauch war. Dies bezeugen Dokumente, wie dieses aus dem 16. Jahrhundert.

»Die zwolff naecht zwischen Weihenacht und Heyligen drey Künig tag ist kein hauß das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache / für alle teüfel gespenst vnd zauberey.«

Die Rauhnächte sind also rauch und rauh zugleich und um beides zu befrieden und zu segnen kommt der Rauch hinzu.

 

Dem Rappen des Woden eine Garbe

Neben den zotteligen und kratzhaarigen Dämonen reiht sich ein ganzer Kosmos um das Thema der rauen Nächte, deren zentrales Bild die wilde Jagd ist. Sich in das Dunkel der undokumentierten Zeit verlierend, bis dahin aber reichlich belegt, wurde der Begriff der »wilden Jagd« 1835 durch Jacob Grimms Deutsche Mythologie geprägt. Eine Verbindung vom Wode der Wilden Jagd, teils auch Wutesheer genannt, und Wodan (südgerm.) / Wuotan (althochdeutsch) / Óðinn (altisländisch) hat schon Grimm angezweifelt und gilt auch heute als unwahrscheinlich.

Die Vorstellungen des Anführers sind mannigfaltig. Sie reichen vom Woden, zum sogenannten Hassjäger, Tolljäger, Schimmelreiter, dem weißgekleideten Berchtold in Schwaben, zu Herne the Hunter im englischen Raum, bei der Oker wird auch von Hanns von Hackelberg gesprochen, selbst weibliche Anführer wie Frau Holle, Perchta, in der Prignitz ist es Frau Gauden mit ihren vierundzwanzig hundsgestaltigen Töchtern oder anderenorts eine Frauengestalt auf riesigem Uhu, existieren. Das Thema der wilden Jagd hat also viele Gesichter und wie bei dem von Hackelberg kann ein einstiger Jäger sagenhaft werden und über Generationen zur Rauhnacht wiederkehren.

Das wilde Heer ist den Menschen nicht generell feindlich gesinnt, aber man sollte ihm nicht spotten und neugierig hinterherschauen, es im besten Fall gar nicht sehen, denn nicht wenige abergläubische Bekundungen sprachen davon, dass man für einige Jahre mitgerissen werden oder anderweitig unter ihnen leiden würde. Daher war eine Opfergabe in Form von Heubüscheln auf dem Feld, Brot und Bier oder anderen Speisen auf dem Hofplatz nicht unüblich, um das Wilde Heer zu besänftigen und von der Schwelle des Hauses fernzuhalten. Den Weisungen nach sollte keine weiße Wäsche – dies bezog sich vor allem auf die Unterwäsche, besonders von Jungfrauen – zu dieser Zeit draußen auf der Wäscheleine hängen, wollte man nicht der Notzucht zum Opfer fallen.

 

Was Brauch ist, ist Sitte

Neben den Rauchweihen in den Mittwinternächten kommen anderenorts auch die Glöckelnächte vor. Bei dem sogenannten Anläuten, ein spezieller Einkehrbrauch, wird Glocken läutend und schlagend von Tür zu Tür gegangen. In einigen westfriesischen Gemeinden beginnt sogar mit dem Thomastag ein zwölf Tage anhaltendes Glockengeläut, welches die bösen Geister vertreibt. Überhaupt sei noch zu konstatieren, dass die Rauhnächte zum Teil so ernst begangen wurden, dass ihren drohenden Stürmen, seien sie meteorologischer oder daimonischer Art, mit Fasten und Gebet durchgestanden wurden. Der immer wiederkehrende Hinweis, dass keine Unordnung im Haus herrschen durfte, deutet auf das Haus als Sinnbild des Kosmos im Kleinen hin, durch welches man den Frühzustand der heiligen Ordnung nachahmen und die große Ordnung reaktualisierte. In diese Erneuerung hin zur Frühe fallen auch gesellschaftliche Bräuche. So war es bis ins 19. Jahrhundert in den österreichischen Ländern Sitte, dass die Neuwahlen von Gemeinderat und Stadtrichter (Bürgermeister) am Thomastag abgehalten wurden.

Gerät das Wissen um die eigentliche Bedeutung verloren, bleiben nur noch Ahnungen übrig, die sich nicht selten mit einfachsten Ersatzhandlungen füllen. So ist die Mittwinternacht in Thüringen und Böhmen auch als »Durchspinn-Nacht« oder »Durchsitz-Nacht« bekannt, im Schwarzwald der darauffolgende Tag ganz direkt »Kotzmorgen«, da es Brauch ist, sich in dieser Nacht schwer dem Alkohol anzunehmen. Überhaupt taucht der Aberglaube überraschender Weise besonders dann auf, wenn religiöse Weisheiten in Vergessenheit geraten und damit neuen, pseudomagischen Praktiken einen fruchtbaren Boden bieten. Viele abergläubische Bräuche beziehen sich auf die visionäre Erscheinung künftiger Ehepartner, wie zum Beispiel Zaunsteckenzählen bei Jungbauern und nacktes Aufsagen eines magischen Spruches im Bettgemach bei Jungfrauen. Recht pragmatisch ist dagegen die Schlachtung der Mettensau drei Tage vor der Christmette, nach deren feierlichen Dienst das Festessen ansteht.

 

In Gründen gründen

Der Autor selbst hat die Nacht zum letzten Heiligabend im Wald unter freiem Himmel verbracht und unter den rauschenden, stark wiegenden Lärchen und Fichten eine wahrhaftige Rauhnacht erlebt. Im konkreten Erleben wird klar, dass es Abstraktionen in Wirklichkeit nie gibt. Dunkelheit ist nie nur ein physikalisches Fehlen von Lichtwellen, Wind nicht gleich Wind, nicht im tieferen Zusammenhang wie sie im Menschen wahrgenommen und erkannt werden. Ein Indiz dafür, dass Mythen eine eigene Form der Wahrheit in sich tragen, welche nicht vergessen werden darf. Oder zugespitzt: Bräuche retten dem Menschen seine Menschlichkeit und bewahren das Sein. Wir stehen da noch ganz am Anfang.

 

/cnb

 

[Stand: 06.01.2018]

ChristianBode

Malen und Zeichnen, Denken und Schreiben.