BRAUCHTUM #1 – NIKOLAUS

»Laßt uns froh und munter sein
und uns recht von Herzen freun!
Lustig, lustig, traleralera!
Bald ist Nik’lausabend da,
bald ist Nik’lausabend da!«

Mit diesen Zeilen beginnt ein im deutschen Sprachraum bekanntes Kinderlied für die Adventszeit. Die Volksweise aus dem „langen“ 19. Jahrhundert besingt in gemütlicher und lustiger Weise, dem familiären Geiste der Zeit entsprechend, den Brauch des Aufstellens eines leeren, um eine Gabe bittenden Tellers, bevor die Kinder sich zur Bettruhe begeben. Wenn auch vergleichsweise überschaubaren Alters, kann das Lied insofern als Volkslied betrachtet werden, als dass der Verfasser selbst unbekannt ist und es regionale Besonderheiten in der Strophengestaltung aufweist, sicher nicht zuletzt, weil sich der einfache Text und die einprägsame Melodie zum um- und weiterdichten anbietet. Entsprechend müsste es in diesem Fall »heut ist Nik’lausabend da!« heißen.

Fälschlicherweise in Anthologien zu Weihnachtsliedern subsummiert, entspringt es der christlichen Heiligenverehrung des Bischofs Nikolaos von Myra und ist nicht genuin adventlich. Er lebte zu seiner Zeit vom dritten ins vierte Jahrhundert in Lykien, einem Gebiet im südwestlichen Kleinasien, welches Teil des römischen und später des byzantinischen Reiches war. Die Lykier, welche dem Gebiet den Namen gaben, das sei als Anmerkung hinzugefügt, waren ein Stamm von indogermanischer Kultur, der dem anatolischen Raum auffallend repräsentative Grabstätten hinterließ, dessen Sprache jedoch im 3. Jahrhundert vor Christus ausstarb, wenngleich ihr Name in der Ilias als Kämpfer auf Seiten Trojas verewigt wurde.

Nikolaos nun lebte im griechisch sprechenden Lykien als Abt im Kloster Sion Nahe der Stadt Myra, wo er später auch Bischof werden sollte und als solcher auch im Jahre 325 beim Ersten Konzil von Nicäa teilnahm. Sein Name bestand aus den zwei altgriechischen Wörtern νίκη (Níke) und λαός (Laós), welcher schon zu vorchristlicher Zeit verbreitet war, und bedeutete „Sieg des Volkes.“ Der deutsche Männername Klaus geht aller Wahrscheinlichkeit auf eine volkstümliche Kürzung des latinisierten Namens Nikolaus zurück und nicht auf das lateinische Claudius. Während der Christenverfolgung im Jahre 310 wurde er gefangen genommen und gefoltert, wobei er sein ererbtes Vermögen an die Armen und Kranken der umliegenden Orte verschenkte.

Drei Jahre später erhielt dann das Christentum von den römischen Kaisern Konstantin I. und Lucinius durch die Mailänder Vereinbarung einen Status der Duldung. Damit wurde das Christentum, dessen Gläubige bis dahin zwischen dem Hohen Rat der Juden (Sanhedrin) und den Verwaltungen des römischen Staates standen und von letzteren teils als stabilitätsgefährdender Faktor angesehen und blutig verfolgt wurden, rechtlich geschützt, bis es schließlich unter Theodosius I. zur Reichskirche ernannt wurde, womit eine Christianisierung Europas eingeläutet wurde. Diesen bedeutenden Moment 380 nach Christus erlebte Nikolaus von Myra jedoch nicht mehr, denn er verstarb ungefähr vierzig Jahre früher an einem 6. Dezember.

Wurde der Todestag zu Ehren des heiligen Nikolaus zuerst nur im Osten als Namenstag feierlich begangen, wird er offiziell ab dem 13. Jahrhundert in beiden Kirchen als einer der größten Heiligen überhaupt verehrt, um den sich viele Wundertaten und Legenden ranken. Zu dieser Zeit gab es aber schon unter anderem in Utrecht den Brauch, dass zu diesem Tag Geldstücke oder kleine Geschenke in die Schuhe von armen Kindern gelegt wurden und auch in anderen Städten gab es ähnliche Bräuche, die auf eine ältere Tradition schließen lassen, die im abschließenden Teil noch Erwähnung finden soll. Dabei bleibt jedoch unklar, ob der Tod des Nikolaus von Myra nicht vielleicht einen schon bestehenden, heidnischen Brauch geweiht und ihm seinen Namen gegeben hat. Solche Erhöhungen oder Verschmelzungen von Festen und Bräuchen sind im Lauf der Geschichte möglich, ja bisweilen notwendig. Dabei können Aktualisierungen des mythischen Grundes auch illustre Wege gehen, wie der niederländische Sinterklaas beweist. Als das anatolische Lykien an die Muslime fiel, wurden seine sterblichen Überreste 1087 von süditalienischen Kaufläuten unter dem habsburgischen König Karl V. entführt, selber letzter deutscher, vom Papst gekrönter Kaiser, zur Rettung nach Bari in das Königreich beider Sizilien verschifft, welches dann wiederum Philipp II. mitsamt den Niederlanden und Spanien erbte und Nikolaus von Myra fürderhin zum Spanier wurde. Der niederländische Brauch ließ Sinterklaas nun mit dem Zwarte Piet aus Spanien mit einem Schiff anreisen. Die abenteuerlichen Ereignisse um die Gebeine des längst verstorbenen Bischofs waren zu der damaligen Zeit auf jeden Fall in den meisten Teilen Europas bekannt, zu einem Zeitpunkt, an dem in deutschsprachigen Gebieten durch die Heirat des Liudolfinger Otto II. mit der byzantinischen Theophanu im 10. Jahrhundert der Nikolauskult schon bekannt war.

»Laßt uns froh und munter sein und uns recht von Herzen freun!«, kann also mit gutem Grund mehr meinen, als ein ein bisschen Süßes im Schuh.

ChristianBode

Malen und Zeichnen, Denken und Schreiben.