IM SCHATTEN DER QUESTE

Es ist ein sonniger Herbstsonntag. Der Ruf wurde erhört und ihm wird Folge geleistet. An einem Zwischenort einige Tage zuvor das erste Mal begegnet, wurde über bedruckte Seiten hinweg Zeit und Ort einmal ausgesprochen, um daraufhin wieder getrennte Wege zu gehen. Der Sprecher war ein deutscher Dichter, einer, der die Kraft der Worte noch zu handhaben weiß und die Dichtung als Prophetie versteht. War das der Ruf einer Quest? Zeichen sind seit allen Zeiten die Sprache der Götter, aber das Handeln obliegt dem, der sie vernimmt.

So führte der Weg zu den südlichen Ausläufern des Harzes an den Rand der Goldenen Aue mit Blick auf den Kyff. Ankunftsort ist Roßla bei Berga; mittags am Bahnhof mit einwandfreier Pünktlichkeit. Noch beim Eintreffen klingt die Stimme des Dichters aus den Lautsprechern, woraufhin mit merkwürdigem Gefühl über die Verflechtung von realem Bestreben und dichterischer Kunstwelt der Ton abgestellt wird. Der Klang verhallt und der Bahnhof liegt verlassen da.

Es wird gewartet, den Gehsteig entlang geguckt, Einwohner befragt und nachgedacht. Ein Wink wurde vernommen und bedingungslos befolgt – doch unter strahlend blauem Himmel lösen sich die Bilder in herbstlicher Kühle auf. Ist das ein traumabstreifendes Erwachen oder ist das profanes Pech? Es gibt keinerlei Verbindung zu dem Vorhaben, nur ein Satz an einem entfernten Ort in einer vergangenen Zeit. Das Gefühl der Sicherheit eines Berufenen weicht dem Gefühl des Spleens. Im Kofferraum liegt ein Portrait des Dichters als Geschenk, in der Hand eine Kastanie, die gedankenverloren begutachtet wird. Es kommt niemand.

Der Enttäuschung kann sich nicht entzogen werden. Aber es gilt trotzdem zu wandern. Das Scheitern muss in Kauf genommen werden, wenn neue Ufer angepeilt werden. Dann heißt es Weitermachen, neue Ziele stecken, Rucksack schultern und mit ausgreifenden Schritten losmarschieren – ernüchtert, sinnend, betrachtend.

Es ist kein Zufall in diesem Teil des Harzes zu sein. Die Symbolträchtigkeit der Umgebung ist unverkennbar und lässt kein Entkommen vor dem dichterischen Wortgeflecht, das hier in Flur und Feld verwoben wurde. Es ist keine Frage wohin der Weg führen soll. Die Quest wird zur Queste; war es vielleicht von Anfang an schon. Über einen Wiesenkamm mit Blick auf feuerrote Wipfel, zwischen denen stur dunkle Fichtenspitzen empor stoßen, führt der Weg an einem Erdfall vorbei. Ein mannhohes, kreisförmiges Loch braunroter Erde auf grüner Wiese zeugt vom karstigen Untergrund und erscheint wie ein Loch in der Wirklichkeit – ein Thursenbiss im Mutterboden. Weiter geht es durch ein Waldstück dichtgewachsener, hoher Buchen, die im herbstlichen Wind arhythmisch gegeneinander schlagen und klopfen, was immer wieder die Stille jäh durchbricht. Dann plötzlich weicht das Gehölz und die Queste steht da. Ehr und Furcht steigen auf; eindrucksvoll und fesselnd, dieses dunkle Zeichen aus alten Tagen vor dem hellblauen Himmel aufragen zu sehen. Das erste Mal spüre ich die Präsenz heidnischer Macht. Drohend, monolithisch steht das Symbol auf hellem Karst. Von Menschen geschaffen, aber nicht für sie bestimmt, nutzlos, doch bedeutungsschwer. Das eigentümliche Sonnenrad, welches seinen Schatten auf das Dorf Questenberg wirft, das sich gedrängt im Nassetal erstreckt, birgt in sich ein Symbol von unvorstellbarem Alter. Der Kreis und das Kreuz begleiten das Werden des Menschen seit je her. Es scheint als zeuge der kranzbehangene Stamm von einer Zeit, in der noch Irminsul auf germanischen Erden stand, Geschichte, aber nicht weniger real als das Hier und Jetzt. Heilige Zeichen sind auf ihre eigene Weise ewig.

Steil und kurz ist der Abstieg zum Ort herab, wo der belaubte Weg an den Gletschertöpfen vorbeiführt. Bei der Dorfkirche steht unter dem Blätterdach einer Linde Roland, ein übergroßer gekrönter Mann aus Eichenholz, das Schwert sich selbst auf die Schläfe zeigend mit Blick auf die Queste. Einst stand er als sächsisches Zeichen für die niedere Rechtskräftigkeit im Dorf, nun als Ornament. Auf der gegenüberliegenden Bergkuppe steht die Ruine der Questenburg. Wald und Zeit haben die Feste durchdrungen und in verlassener Ruhe liegt der Platz da. Längst vergessen ist der Kampf gegen die Harzschützen, verhallt ist Schrei und Schuss und schwer der Umgebung die einstige Brisanz abzuringen. Der Kampf wurde längst Traum, das Ringen um Leben und Tod entbehrt jeder Bedeutung. Wie alles ging auch dies im Strom der Zeit dahin und alles was folgt wird folgen – letztlich folgenlos.

Der Tag neigt sich nach der Mitte in Wolken dem Abend zu und hell werfen die Alabasteraugen am Questenberg das Weiß des Himmels zurück. Wie mit Schaum besprenkelt wirkt der Hang, während die Farbe weicht. Es dünkt, die Gischt der Zeit blieb am Felsen hängen, welche alles davonträgt und vom Schicksalskampf der Menschen nur Mythen lässt.

Jedes Schiff wird einst Teil des Mastenwaldes am Grund des Meeres. Es ist eine Frage der Haltung, ob und welchen Kurs man einschlägt.

(Dieser Text ist ein älterer Text von 2012)

feuersalamander und queste
(Feuersalamander und Queste, Nähe Roßla, 2015)

ChristianBode

Malen und Zeichnen, Denken und Schreiben.